Neue Zeiten in Fürstenried. Bericht zum Dialogworkshop im Projekt „Neue Zeiten in der internationalen Jugendarbeit und Jugendbildung“

November 2023 | Fürstenried

Im November 2023 fand in Fürstenried die zweite Fachkonferenz Jugend- und Schüleraustausch statt. Rund 100 Fachkräfte widmeten sich in einem dreitägigen Programm aus Vorträgen, Workshops und Podien dem Thema Vielfalt erleben – Anerkennung stärken. Wie bei der ersten Veranstaltung 2022 in Potsdam ging es auch diesmal darum, Organisationen für internationale Jugendbegegnungen und Workcamps sowie individuellen und gruppenbezogenen Schüler:innenaustausch stärker miteinander zu vernetzten und einem gemeinsamen Fachdiskurs zu organisieren.

 

Die Tagung wurde von transfer e.V. in der Rolle als Projektkoordination des Netzwerks Forschung und Praxis im Dialog – Internationale Jugendarbeit (FPD) mitveranstaltet. Auch inhaltlich waren Vertreter:innen von FPD an der Gestaltung der Fachkonferenz beteiligt – u.a. im Workshop Neue Zeiten in der internationalen Jugendarbeit und Jugendbildung? – Interviews mit Expert:innen aus dem Feld, der von Stefan Schäfer (transfer e.V.) und Markus Gamper (Universität zu Köln) angeboten wurde. Im Workshop wurde sich mit den multiplen Krisen der letzten Jahre beschäftigt und der Frage nachgegangen, wie sich diese auf das Selbstverständnis der Akteur:innen und Organisationen im Feld der internationalen Bildung auswirken.

Hier gelangen Sie zur Dokumentation der Veranstaltung.

 

Hintergrund ist das Projekt Neue Zeiten für die Internationale Jugendarbeit und Jugendbildung. In diesem Projekt geht es um die Frage, wie sich Akteur:innen und Organisationen zu den multiplen Krisenphänomenen wie Klimakrise, Flüchtlingskrise, Coronapandemie, Kriege in der Ukraine oder Israel/Gaza, soziale Exklusion durch steigende Armut und Ungleichheit in Europa und der Welt oder den globalen Rechtsruck verhalten. Die Felder und Formate internationaler Bildung, also insbesondere die bi- und trilateralen Jugendbegegnungen und multilateralen Workcamps, der individuelle und gruppenbezogene Schüler:innenaustausch, die europäischen und internationalen Freiwilligendienste, der Fachkräfteaustausch und die vielfältigen Angebote des internationalen Kinder- und Jugendreisens, sind multiplen Krisenerfahrungen ausgesetzt und dies aufgrund des Internationalen als konstitutivem Spezifikum dieser pädagogischen Praxis vielleicht noch in stärkerem Maße als andere Träger der Kinder- und Jugendarbeit.

 

Gleichzeitig steigt angesichts globaler Krisenphänomene und dem Bewusstsein, dass die damit einhergehenden Probleme auf nationalstaatlicher Ebene allein nicht gelöst werden können, die Bedeutung internationaler Bildung als Ort der internationalen Verständigung und Vernetzung sowie politischen Bildung in internationalen Zusammenhängen und Gruppen. Mit Hilfe von transnationalen Kooperationen werden durch internationale Bildungsarbeit Netzwerke und zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse über nationale Grenzen hinweg aufgebaut und gepflegt. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe werden durch internationale Bildungsangebote zusammengebracht, was einen grenzüberschreitenden Perspektivwechsel ermöglicht, der in Zeiten von Kriegen, Rassismus und Re-Nationalisierung sowie sozialökologischer Transformation noch einmal bedeutsamer geworden ist.

In unterschiedlichen Praxisentwicklungs- und Praxisforschungsprojekten wurde sich im Feld der internationalen Bildung in den letzten Jahren der Krisenthematik gestellt und nach Formen der Krisenbewältigung gesucht, die eine professionelle Praxis jenseits des kleinteiligen und ermüdenden Krisenmanagements in den einzelnen Organisationen und Projekten ermöglichen. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, die subjektive Wahrnehmung von Unsicherheiten im Bereich der internationalen Bildung, die Auswirkungen der Krisen auf das Selbstverständnis von Akteur:innen der verschiedenen internationalen Bildungsbereiche und die Problemlösungen, die aus dem Feld heraus abgleitet werden können, sichtbar zu machen und somit Akteur:innen-Wissen zu generieren, das zum Ausgangspunkt weiterer Überlegungen auf konzeptioneller und handlungspraktischer Ebene gemacht werden kann.

 

Hierzu ist ein qualitativer und ein quantitativer Forschungsteil vorgesehen. Auf Basis von vier problemzentrierten qualitativen Expert:inneninterviews mit Vertreter:innen von Organisationen aus den Kernbereichen internationaler Bildung in 2023 wird in 2024 eine quantitative Erhebung durchgeführt und ausgewertet. Als Teil der qualitativen Erhebung und Schnittstelle zur Entwicklung des quantitativen Forschungskonzeptes war ein Forschungsdialog vorgesehen, in dem die Themen der qualitativen Interviews mit einem größeren Kreis der Fachöffentlichkeit diskutiert wurden, um dann auf Basis dessen einen Onlinefragebogen zu entwickeln.

 

Es bot sich an, den Forschungsdialog bei der Fachkonferenz in Fürstenried als Workshop anzubieten. Hierzu wurde den 23 Workshopteilnehmenden zunächst in einem Kurzinput das Projekt vorgestellt und Ziele und Aufbau erläutert. In der anschließenden Arbeitsphase wurde sich in Arbeitsgruppen mit den Herausforderungen der internationalen Bildung in den letzten Jahren beschäftigt. Es wurde in der Einführung bewusst darauf verzichtet, Interviewergebnisse zu präsentieren, um das Arbeitsgruppensetting nicht in Vorfeld auf bestimmte Themenbereiche zu fokussieren, d.h. eine möglichst offene und unvoreingenommene Herangehensweise und Diskussion zu ermöglichen. Die Fragen, mit denen sich in den Arbeitsgruppen beschäftigt wurde, waren: Was waren die größten Herausforderungen der letzten Jahre?, Wie hat sich eure Arbeit in den letzten Jahren verändert? Und: Hat sich eure Vorstellung vom Sinn und Zweck der internationalen Jugendarbeit verändert?

Besondere Herausforderungen sahen die Teilnehmenden in den politischen Krisen in Deutschland, Europa und der Welt, etwa hinsichtlich zunehmender Instabilität und schwindendem Sicherheitsgefühl, Angst vor Terror und Rechtsruck, Preisanstieg und Inflation, der Corona-Pandemie und ihrer Nachwirkungen in Bezug auf das Leben junger Menschen, den Angeboten internationaler Bildung und ihrer Kooperationspartner wie z.B. Schulen, der wirtschaftlichen Situation in den einzelnen Partnerländern und der Förderbedingungen sowie der Gewinnung und Begleitung von Ehrenamtlichen. Einschneidende Veränderungen wurden insbesondere in den Themenkomplexen Digitalisierung, etwa hinsichtlich der Veränderung jugendlicher Lebenswelten, Zielgruppe, Generationenwandel und Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit und Mental Health gesehen. Die Workshopteilnehmenden waren sich jedoch einig darin, dass damit nicht nur die Bedingungen erfolgreicher internationaler Bildungsangebote schwieriger und komplexer geworden sind, sondern auch die Bedeutung der Angebote auf individueller, sozialer und politischer Ebene deutlicher hervorgetreten sei. Dies bringt auch die Fürstenrieder Erklärung, eine öffentliche Stellungnahme der Tagungsteilnehmenden zur Frage der Bedeutung und Anerkennung von Jugend- und Schüleraustausch zum Ausdruck.

 

Der Veranstaltung war aus Sicht der Workshopleitungen insofern erfolgreich, als dass sich die Relevanz des Themas für die Praxis bestätigte. Auch wurde das Ziel erreicht, durch den Dialogworkshop weitere relevante Themenkomplexe zu erfassen und zu vertiefen, die in den Experteninterviews u.U. nicht in dieser Prägnanz thematisiert wurden. Der Dialogworkshop ist darüber hinaus als Teil einer über das Projekt hinausgehenden Fachdebatte zum Umgang mit Krisen in der internationalen Bildung anzusehen, in der sich Akteur:innen aus Wissenschaft und Praxis gemeinsam über Auswirkungen und mögliche Bewältigungsstrategien austauschen und damit einen Prozess der professionellen Selbstverständigung unterstützen.